Märchen


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Freunde

 

Es ist ein Sommer mit vielen wunderschönen Schmetterlingen. Sie flattern lebensfroh von einer Blüte zur anderen. Der kleine Brüllbär liegt verträumt auf der Wiese und sieht dem lustigen Treiben zu. Da hört er, wie Etwas auf den Boden klopft.

„Tapp-tapp“ macht es und wieder „tapp-tapp.“

Das Klopfen kommt direkt auf ihn zu. Er hebt den Kopf. Ach! Das ist ein Hase, der auf der Wiese hoppelt. Hier und dort bleibt er stehen um zu schnuppern und gute Kräuter zu essen.

Als der Hase den kleinen Brüllbären sieht, springt er einige Hopser zurück. Gespannt sieht er ihn an.

Der kleine Brüllbär freut sich, dass noch Jemand da ist. „Hallo“ sagt er freundlich.

Der Hase duckt sich, er hat Angst, aber er ist auch neugierig, wer da noch auf der Wiese sitzt.

„Hallo“ sagt der kleine Brüllbär noch einmal, „ich bin Brülli und wer bist du?“

Der Hase wackelt mit den Ohren, soll er sich trauen?

Er hopst einige Sprünge auf den kleinen Brüllbären zu. Als der sich aber nicht rührt, traut sich der Hase näher an ihn heran.

Er sagt: „Guten Tag, ich bin Hoppel.“

„Das ist aber nett, dass ich Besuch bekomme“ sagt der kleine Brüllbär.

„Ja, ich finde Begegnungen auch angenehm“ sagt der Hase.

Der kleine Brüllbär und der Hase freuen sich über die schöne Wiese und ihr Zusammensein.

Da hören sie plötzlich einen großen Hund bellen. Der Hase will zum Wald flüchten, aber dort steht ein Fuchs. Er zittert und hoppelt aufgeregt hin und her.

„Hab keine Angst“ sagt der kleine Brüllbär, „ich helfe dir!“

Dann holt er tief Luft und stößt den lautesten und gefährlichsten Brüller aus, den er brüllen kann: „Uuuaaaaaahhhhh!!!“

Erschrocken legt der Hase die Ohren an und duckt sich in das tiefe Gras. Auch der Hund ist erschrocken und läuft eilig zum Dorf zurück. Der Fuchs schüttelt sich ärgerlich und verschwindet in den Wald.

Der kleine Brüllbär setzt sich ins Gras und sagt: „Jetzt sind sie weg.“

Mit großen Augen schaut der Hase hin und her.  

Erstaunt sieht er den kleinen Brüllbären an. Dann macht er einige fröhliche Hopser und sogar einen Salto.

Der kleine Brüllbär reißt seinen Mund auf und lacht ganz laut, immer wieder, bis ihm vor lauter Lachen die Tränen kommen.

„Ja, so etwas habe ich noch nie gesehen, das ist ja toll!“ ruft er.

„Hoppel, kannst du das noch einmal machen?“

Der Hase freut sich. Er rennt hin und her, dass seine Ohren flattern. Dann macht er viele Sprünge und Saltos, bis er ganz aus der Puste ist.  

Der kleine Brüllbär freut sich und lacht und lacht und lacht. Auch der Hase lacht, er freut sich, weil er Freude machen kann.

Der kleine Brüllbär hält dem Hasen seine Tatze hin und sagt: „Hoppel, gib mir deine Pfote und lass uns Freundschaft schließen.“

„Ja Brülli“, antwortet der Hase, „ich freue mich, dass wir jetzt Freunde sind.“

Von nun an treffen sie sich immer wieder, helfen sich gegenseitig und haben viel Spaß miteinander.

 

                                                                                                                 Eveline Klose  heilen-in-eisingen.de



das huhn das goldene eier legte


 

Der Bauer hatte einen kleinen und schönen Hühnerhof. Die Hühner fühlten sich als große Familie und kannten sich alle untereinander. Die Eier, die sie legten, waren sehr unterschiedlich, so bunt gemischt, wie die Hühner selber, denn es waren große und ganz kleine Hühner. Weiße, Schwarze, Braune, Kunterbunte und sogar Graue mit Büschel auf dem Kopf.

 

Unter den Eiern, die die Bäuerin in ihren Korb legte, war neuerdings auch immer ein goldenes Ei. Der Bauer wunderte sich, welches Huhn denn goldene Eier lege. Die braune Henne hatte vor einiger Zeit fünf Küken ausgebrütet, die inzwischen schon groß waren und selber Eier legten. Ein recht unscheinbares dieser jungen Hühner hatte einen schwarzen Streifen auf dem Kopf. Es legte nur alle paar Tage ein Ei, aber das war golden. Weil die Bauersleute so viel Aufhebens machten, wegen den Eiern die es legte, kam es sich als etwas Besonderes vor, ja als etwas Besseres!

Es scharrte nicht mehr so sehr oft mit den Anderen im Staub, es rannte auch nicht gleich mit der Gruppe, wenn gefüttert wurde und überhaupt strengte es sich nicht sonderlich an.

Ein goldenes Ei das ist schon was! Da braucht man nicht so viel Gegacker zu machen, wenn man es legt. Das strahlt für sich. Das Aufsehen darum machen die Anderen. Das Huhn mit dem schwarzen Streifen sonderte sich immer mehr ab.  Eines Tages dachte es: “Ach dieser schmutzige Hof und das Getue und die Gackerei der Anderen, das ist doch nichts für mich. Auch ist auch das Stroh so stachelig. Mir gebührt ein extra Platz und ein goldenes Schüsselchen. Ich gehöre an einen Königshof!“

 

Am nächsten Tag überflog es den Zaun und marschierte los um den Königshof zu suchen. Auf einer Wiese traf es den Hasen und fragte nach dem Weg. „Einen Königshof?“ sagte dieser, „den kenne ich nicht, aber dort immer an der Hecke entlang kommst du zum Meyershof. Mehr weiß ich nicht.“ So hoppelte er davon.

 

Als das Huhn dem Hofe näher kam, hörte es Seinesgleichen gackern und scharren. Das müssen aber viele sein!

Unschlüssig, ob es an dem Hof vorbeigehen solle oder hinein, blieb es stehen. Da knackte es in der Hecke und heraus kam eine schwarze Katze.

"Hallo“ rief eilig unser Huhn, "kannst du mir sagen, ob auf dem Hof ein König wohnt? Ich wollte an den Hof des Königs.“

"Kööööönig?“ lang gezogen ertönte die entgeisterte Frage der Katze. „Ich glaub du bist nicht richtig informiert! Es gibt keine Könige hier, wir haben doch die Demokratie. Aber wenn ich dir einen Rat geben darf, du dummes Huhn dann mach, dass du auf den Hof hinter die Gitter kommst. Hier treibt sich ein Fuchs herum. Gestern Nacht hat er zwei Hühner geholt und die Kleinen von Katze Jenny herum gehetzt.“

Damit schüttelte sie sich, suchte sich ein trockenes Plätzchen und fing an sich zu putzen.

 

Verlegen und in Sorge näherte sich das Huhn vorsichtig dem Meyershof. Am Apfelbaum lehnte ein Mann, der Rauch aus seinem Mund blies. Der sah das Huhn und ergriff es blitzschnell. Erschrocken wollte es fliehen, doch der Mann hielt es an den Füßen fest. Dieser Kopfstand gefiel dem Huhn gar nicht und es flatterte und wollte sich befreien. Zwei grobe Hände packten zu und klemmten es unter dem Arm fest. So schrecklich ging „ihr“ Bauer aber nicht mir ihnen um! 

„Hans guck mal“ rief der Mann, „da ist ein fremdes Huhn, ist wohl dem Bauern drüben ausgebüchst, der sollte besser aufpassen. Ziemlich mager ist es. Ich gebe es zu den Junghühnern zum Aufpäppeln.“

So kam das Huhn in einen großen Käfig mit vielen kleinen Hennen zusammen. Als es sich von dem Schreck erholt hatte, fragte es die Anderen, was das für ein Hof sei, es suche den König.

Die Jungen wussten auch nicht viel, doch hätten sie gesehen dass man, wenn man größer geworden ist, in die großen Hallen gebracht wird. In denen rufen und schreien ganz viele Hühner und die blieben immer da drinnen.

Da erschrak das Huhn auf´s neue. Nie wieder im Gras sitzen, in der Erde scharren und die Sonne sehen? Wie schrecklich! Nein, das wollte es nicht.

 

Jetzt wurde es Abend. Das Huhn aß sich noch mal richtig satt und tat als würde es schlafen, denn der Mann kam vorbei, sicherte alle Gittertüren und murmelte zufrieden, als er das Huhn zwischen den Anderen sitzen sah.

Es wurde dunkel, doch ein bleicher Mond machte etwas Helligkeit.

Das Huhn hatte gesehen, dass der Käfig oben nicht abgedeckt war. Die große Öffnung bot sich an, das Huhn heraus zu lassen. Doch die Gitter waren hoch und ein Huhn ist kein Senkrechtstarter.  „Ich werde es schaffen!“ sagte das Huhn immer wieder zu sich selber, „ich werde es schaffen, doch ich darf keine Geräusche machen!“

 

So klappte es ganz fest seinen Schnabel zu, nahm alle seine Kräfte zusammen und flog hoch. Doch kam es nur bis zur halben Höhe, dort krallte es sich ins Seitengitter fest. Ach wie tat das den Füßchen weh, das Herz raste vor Aufregung und es schnappte nach Luft. Beinahe hätte es losgekrischen vor Angst. Da kam der Mann über den Hof um nachzusehen denn er hatte etwas gehört, er dachte der Fuchs sei wieder da.

Das Huhn hing im Gitter, den Schnabel zugepresst und sich ganz still festgekrallt. Der Mann ging, als er sah, dass alle Hühner schliefen und anscheinend kein Fuchs zugegen war. Das Huhn im Gitter sah er nicht, weil er nie gedacht hat, dass Hühner so etwas können.

Als der Mann fort war, riss sich das Huhn zusammen.

„Jetzt oder nie“ dachte es und flog in einem Bogen zur anderen Seite des Käfigs und schraubte sich hoch. Da, gleich hat es die Öffnung erreicht! Ein paar Flügelschläge noch und schon landete es auf dem Gitterrand. Hier saß es nun erschöpft und konnte ein wenig ruhen.  Einige Zeit darauf schreckte ein lauter Knall das Hühnchen auf. Der Mann war noch mal da, doch hatte er wohl reichlich Bier genossen, brummte vor sich hin und warf die Tür krachend hinter sich zu.

 

So aufgeschreckt startete das Huhn, es flog und flatterte: „Weg hier, weg hier - der Zaun – gleich-“ und es überwand des Hofes Grenze. Nun wollte es landen, doch dann dachte es an den Fuchs. So flatterte es weiter, geradewegs auf den großen Apfelbaum zu. Vom oberen Ast fiel es runter, weil es zu viel Schwung hatte und noch einen und noch einen, bis es auf dem untersten, dem dicksten Zweig ankam und von der Astgabelung aufgefangen wurde. So konnte es sich auf dem staken Zweig an den Stamm lehnen. Jetzt erst merkte es, dass ein Ei schon die ganze Zeit im Bauch gedrückt hatte und nun lies es los und das Ei rollte vom Ast und fiel in einen dichten Grasbüschel. 

Die Morgensonne weckte das Huhn und es hatte Hunger. So flatterte es zu Boden und suchte und scharrte. Es war unruhig, darum pickte es nur hier und dort ein paar Samen und Käferchen und lief weiter. Bald fand es auch den Weg, den es zum Bauernhof zurückführte, zu „seinem“ Bauern!

 

„Da bist du ja wieder“ sagte die Katze, „hat es dir nicht gefallen auf dem Meyershof?“

„Hast du mich jetzt erschreckt“ sagte das Huhn, „nein, gefallen würde es mir nicht, wenn ich in die großen Hallen müsste, ohne Sonne, ohne Gras!“

„Ich finde es gut hier“ antwortete die Katze, „Ich bekomme mein Futter und kann gehen wohin ich will.“ Stolz erhob sie den Kopf und schritt auf und ab.

Das Huhn gackerte laut auf, dann flüsterte es: „Lass mich gehen, lass mich gehen, der Fuchs, ich will nach Hause!“ Ohne sich umzudrehen lief es weiter. Die Katze setzte sich und blickte ihm nach, bis es in der Kurve nicht mehr zu sehen war.

„Da bist du ja wieder“ sagte der Hase, „hast du den König gefunden?“

„Schrecklich, schrecklich ist es, was ich gefunden habe“ antwortete das Huhn. „Stell dir vor Hase, stell dir vor, es werden alle Hühner in große Hallen gesperrt. Ohne Sonnenlicht, nicht mehr im Gras scharren können. Ist das nicht schlimm?“

„Oh“ sagte der Hase und seine Ohren zitterten.  „Oh! Nicht mehr im Gras sitzen und keine Sonne sehen. Ja, das ist schlimm!“ Kopfschüttelnd hoppelte er zum Wald.

 

Das Huhn lief weiter und gelangte auch bald auf seinen strapazierten Füßchen zum Hof. Ach, da war ja der Zaun über den es fort geeilt war! Mit aller Kraft versuchte es wieder hochzusteigen, doch es war zu erschöpft. Die Flügel, die Füßchen, Alles tat ihm weh. Es prallte gegen den Zaun. So saß es nun im Gras. Es dachte an den Fuchs. Die Angst ließ es losgackern, ja schreien und rufen.  Da rannten alle Hühner herbei und auch der Hahn. Sie machten gemeinsam so einen Lärm, dass die Bäuerin kam und nachsah. Sie sah das Huhn vor dem Zaun sitzen und auch den Fuchs am Waldesrand. Eilig lief die Frau um den Zaun herum und nahm das Hühnchen hoch. Jetzt erst erkannte sie es,  denn es war sehr schmutzig und zerrupft! Vorsichtig trug sie es zu den anderen Hühnern und fütterte es.

Nun sah man es immer zusammen mit den Anderen und es erzählte diesen von Allem, was es erlebt hatte. Die Hühnerschar beschloss, dass alle Hühner die neu ausgebrütet würden, diese Geschichte gelehrt bekommen müssen. Kein Huhn soll dieses Elend erleben müssen, denn die Hallen mit der Legebatterie schreckte Alle.

So hielten sie es und im Lauf der Zeit brachten sie den Küken Alles bei, was sie wussten. Es entstand die erste Hühnerschule.

Der Fuchs kam auf seinem Streifzug am Apfelbaum vorbei und schnupperte das Ei. Erstaunt blickte er es an. Hm, es roch lecker nach Huhn, aber so ein spaßiges Ei hatte er noch nie gesehen. So eine lustige Farbe.

„Ach was soll´s“ dachte er, suchte sich ein gemütliches Plätzchen, zerbrach das Ei und schleckte es genüsslich aus.

Eveline Klose    heilen-in-eisingen.de



Willy der Frosch

 

In einem Teich zwischen zwei Dörfern lebte Willy. Er war ein großer grüner Wasserfrosch mit schöner Zeichnung die aussah wie ein Königsmäntelchen. Ein bisschen stolz war er, denn kein Anderer war so schön. Am liebsten saß er auf einem Stein am Ufer und sonnte sich. Die Meisten mochten ihn gerne, denn man hörte nie ein böses Wort von ihm.

Wie das bei Fröschen aber so ist, gibt es manchmal Streit.

Einer ist vielleicht groß und sportlich. Ein Anderer ist zierlich und fein. Ein Frosch ist schlau und weiß oft guten Rat. Unterhaltsam und lustig der Nächste. Die Älteren haben Lebenserfahrung und helfen den Jüngeren. Die Jüngeren haben Mut und Ideen. Alle bereichern so das Froschteichleben.

Bei so viel Unterschiedlichkeit fällt es öfter schwer die Anderen zu verstehen.

 

Zum Beispiel als die vernaschte Nanni eine besonders fette Fliege fangen wollte und Bodo der braune Frosch mit fröhlichem „Queii und Quaaaack“ auf ihrem Teichrosenblatt landete.

Sie schimpfte: „Du dummer Bodo! Dauernd hinderst du mich am Essen. Ich muss ja umkommen wegen dir!“

„Haaa“ lachte Bodo, „Haaa, bist doch ganz gut gebaut, brauchst ja nicht immer das Beste zu essen, zwischen den Wasserlilien gibt es noch genügend Würmer.“ Er wollte gerade weiterspringen, als sich Nanni in seine Sprungbahn warf: „Du hast mir gar nicht zu sagen, was ich essen soll!“

Bodo braust auf: „So machst du das immer, wenn ich so herrlich am Springen bin, wirfst dich einfach in meine Bahn. Ein Mann muss durchtrainiert sein, ist das klar?!!“

Nanni wollte sich gerade zum Rückschlag aufblasen, als Miranda mit ihrer Fistelstimme dazwischen kreischte: „Mich rempelt der Bodo auch immer an mit seinem Gehopse! Bisschen Rücksicht wäre angesagt!“ 

Hurtig kamen noch andere Frösche dazu und jeder wusste was zu sagen, immer etwas lauter als der vorige Redner und alle durcheinander.

Selbst der alte Fritz mit seinem Bass donnerte dazwischen: „Ihr seid Beide Dummköpfe, der Teich ist doch soo groß, da hat noch jeder seinen Platz gefunden.“

Aufgeregt ging es hin und her. Sogar die Jungen mischten mit und gestikulierend brachten sie das Wasser in heftige Bewegung. Bis in die Dörfer konnte man es hören.

 

 Willy aber saß am Ufer. Nein Schreien und Schaumschlagen, das passte nicht zu seiner Vorstellung von Würde. Er dachte: „Ich brauche mich nicht in das plumpe Gezeter einzumischen. Mich geht das nichts an.“

War es ihm wirklich zu niedrig sich in das Geschrei einzumischen – oder hatte er einfach Angst?

Angst davor, in der allgemeinen Erregung einige Stupser abzubekommen? Angst, dass man an seinem Königsmäntelchen zupfte? Angst auch mal angeschrien zu werden oder selber schreien zu müssen? Angst die Wahrheit über sich selbst gesagt zu bekommen, denn das tut manchmal weh. Er wollte das nicht ertragen.

So kletterte er auf einen höheren Stein am oberen Ufer und ließ die Anderen tun.

 

Die Anderen fanden aber keine Lösung.   Willy hätte mit seinen guten Einfällen helfen können: „Bodo zum Beispiel könnte für sein Sprungtraining bestimmte Zeiten einhalten, oder man richtete eine Trainingsstrecke ein, oder man könnte vielleicht ...“ In seinen Gedanken versponnen sah Willy dem Treiben zu. So machte er sich schuldig an den Situationen die nicht gelöst werden konnten.   Trug Willy den Königsmantel zu Recht?

 

Eines Tages bewegte sich sein Gewissen und seine Schuld begann ihm zu dämmern. Unangenehm war das und er wich jenen Fröschen aus, denen er hätte helfen können und es nicht tat!

Die Froschsippe wunderte sich über Willys Verhalten doch ließen sie ihn, denn er war ja immer nett und freundlich. Nur so richtig lustig sein, das konnte man mit ihm nicht. Einfach nur Hüpfen und Springen, oder gemeinsam auf Seerosenblättern in der Sonne quaken, oder auch mal zu streiten um sich wieder zu vertragen, das ging mit ihm nicht.

Manchmal wenn sich Willy´s Gewissen heftiger regte, gesellte er sich zu den Anderen. Aber weil er so unsicher war und es nie geübt hatte in der Gemeinschaft, war alles was er tat zaghaft und tollpatschig. Dann flüchtete er sich wieder in seine hochmütigen Gedanken. Es entstand ein schrecklicher Kreislauf.

So hatte er aus Versehen der Nanni eine Schnecke vor der Nase weggeschleckt, sie schimpfte: „He du Fraßmaul, die wollte ich gerade essen – weg da!“

Und den alten Fritz weckte er mit seinen Springversuchen aus dem Mittagsschlaf. Der drückte ihn mit einem lauten „Quack!“ tief unter Wasser.

Ein anderes Mal bekam er einen deftigen Stoß ab, als Bodo ihn mit seiner wilden Art anrempelte. Er wollte Bodo beschimpfen, wie es die Anderen taten, brachte aber nur ein klägliches „Quau Quaaaaak“ heraus.

Das war ihm Alles sehr unbehaglich.

 

Als er wieder mal auf seinem Stein saß, sah er mit Schrecken, dass Flecken auf seinem Königsmäntelchen waren, die immer größer wurden. Der Goldsaum war fast verschwunden. Verzweiflung stieg in ihm hoch. Er hatte große Not in seinem Herzen.

Am nächsten Morgen, als die ersten milden Sonnenstrahlen die Blüten der Wasserlilien so wunderschön berührten, erinnerte sich Willy an eine lang vergangene Empfindung: Er selbst hatte auch mal dieses heitere Licht der Sonne in seinem ganzen Inneren gespürt damals, als er im Froschei noch auf dem Wasser trieb, dann wieder, als er die Eihülle verließ um als Lurch durch das Wasser zu paddeln und dann noch einmal, als er an Leib und Seelchen gewachsen als großer schöner Frosch zum ersten mal auf dem Blatt der Seerose das Morgenlied sang.  

Als er nun sah, wie sich die Blüten allmählich öffneten war ihm, als spräche die Sonne durch die Blüten zu ihm: „Öffne dich wie die Lilien. Öffne dich und fühle dich geborgen. Immer bist du geliebt, ganz gleich was geschieht, du bist geliebt.“

Da öffnete sich sein Herz, ein goldenes Licht durchflutete ihn und eine warme Liebe hüllte ihn ein. Erleichtert atmete er auf und ein Lächeln strahlte aus ihm heraus.

Nun hatte er Freude und Mut so zu sein wie er ist: eben Willy der noch etwas ungeschickt im Miteinander ist. Die anderen Frösche bemerkten seine Verwandlung und gingen ihrerseits auch auf ihn zu, eben in ihrer Art.

 

Anfangs gab es viele Missverständnisse und wenn in Willy die Gedanken des Hochmutes und der Angst wieder aufstehen wollten, sprach er zu sich: „Halt! Denn ich bin geliebt, wir Alle sind geliebt!“

Er hatte nämlich gesehen, dass auch in den anderen Fröschen dieses Licht der ewigen Sonne strahlt. Ein paar mal geschah es dass diese Sonne, so wie sie durch das Öffnen der Wasserlilienblüten zu ihm gesprochen hatte, auch durch seine Mitfrösche zu ihm sprach.

Nanni sagte zu ihm: „Hei Willy, bist eigentlich ein dufter Typ, das wusste ich gar nicht.“

Bodo nahm ihn auf seinem morgendlichen Trainingsspringen mit und der alte Fritz bat ihn oft: „Komm Willy, lass uns ein schönes Liedchen miteinander singen!“

So fühlte er sich wohl.

Und sein goldumsäumtes Königsmäntelchen?

Mit jedem Schritt auf die Anderen zu, verschwanden die Flecken und der Goldsaum leuchtete schöner als je zuvor – doch das war jetzt überhaupt nicht mehr wichtig.

Eveline Klose    heilen-in-eisingen.de

 



Rosenduft


 

 Die 9-jährige Iris ging mit Samuel und Max den Weg zur Schule.

„Heute schreiben wir ein Diktat“ sagte Max.

Samuel erschrak: „ Au wei, ich habe vergessen mir noch einmal alles an zu sehen. Jetzt muss ich aber richtig gut aufpassen!“

Iris blieb stehen. Sie war nicht gut in der Rechtschreibung.

Sie rief: „Ich hasse die Schule, und dass ihr es wisst: ich gehe nicht hin!“

Sie drehte sich um und lief in die andere Richtung. Die beiden Jungen sahen ihr nach.

Samuel rief: „Iris komm, es ist doch nicht schlimm, wenn man nicht alles so gut kann!“

Max sagte: „Wir müssen in die Schule, das Lernen ist wichtig“.

 

Iris rannte weiter ohne sich noch einmal umzudrehen. Sie kam auf den Weg der zum Wald führte. Sie ging so lange, bis sie Hunger hatte und ihre Füße müde waren. Zwischen den Bäumen fand sie eine kleine Wiese. Da lagen auch einige große Steine, die von der Sonne ganz warm waren.

Iris setzte sich und wollte ihr Pausenbrot essen, aber ihr Hals fühlte sich so eng an und im Herzen war ein Weh. Da sah sie plötzlich mitten auf der Wiese eine Gestalt, die so groß war wie sie selber.

Iris fragte: „Bist du auch von der Schule weggelaufen?“

„Nein ich lebe hier“ sagte dieses Wesen, „ich bin eine Waldfee und hüte diesen Wald. Auch wenn ich so aussehe wie ein Kind wirke ich hier schon 100 Jahre und habe vieles gelernt. Was ist mit dir? Du bringst Unruhe hier her, was ist denn geschehen?“

 

Iris erzählte von ihren Schwierigkeiten in der Schule.

Die Fee sagte: „Es ist doch wichtig und gut, dass man etwas lernt. Was willst du denn sonst tun?“

Iris prang auf und rief zornig: „Ich will erwachsen sein und arbeiten!“

Als Iris aufsprang ging die Fee einige Schritte zurück.

Sie bat: „Bitte sei nicht so heftig, denn das tut mir weh, ich muss sonst gehen.“

Erschrocken setzte sich Iris wieder hin und bat um Entschuldigung.   Da breitete die Fee ihre Arme aus und rosiger Rosenduft strömte zu Iris hin. Das tat ihr gut. Sie atmete tief und lächelte.

 

Die Fee setzte sich zu ihr auf einen anderen Stein.

Sie sprach: „Liebes Menschenkind, wenn du arbeiten willst, musst du erst das Arbeiten lernen. Auch wir Naturwesen müssen lernen, sonst könnten wir ja Niemandem helfen.“

Iris staunte, sie überlegte eine Weile.

Da raschelte es im Laub und hervor kam ein alter Igel. Die Fee bewegte ganz leicht ihre Hand und der Igel sprach: „Ja so ist das! Auch ich habe lernen müssen, wie ich mir eine Höhle graben kann. Dann musste ich noch wachsen um stark zu sein. Ohne Kraft kann man nicht viel tun.“

Von der anderen Seite der Wiese hoppelte ein Hase herbei.

Auch der Hase sprach: „Wenn ich nicht gelernt hätte, welche Kräuter ich essen kann und welche giftig sind, wäre ich wohl schon gestorben. Und es war nicht so einfach die Fluchtsprünge zu lernen. Aber die brauche ich, um dem Fuchs zu entkommen.“

Die Fee nickte. Hase und Igel verschwanden wieder im Wald.

 

„Komm mit“ sagte die Fee.   Auf der anderen Seite der Wiese sah Iris einen großen Rosenstrauch. „Auch Rosen wachsen“ sagte die Fee. „Sie sind erst ganz klein. Schau hier daneben, das ist eine kleine Rose.“

Iris staunte: „Oh, wie schön die Blütchen sind und so rot.“

Die Fee nickte: „Ja, rot ist die Liebe. Die Liebe nämlich, die das Herz hell und warm macht.“

Iris roch an den Blüten und streichelte sanft die weichen Blütenblätter.

 

„Du magst Rosen gerne?“ fragte die Fee.

 Iris nickte und lachte. Da sang die Fee und tanzte im Kreis. Dann klatschte sie in die Hände und griff in die Luft. Sie lächelte, als sie Iris eine kleine Kette gab.

Iris rief glücklich: „Oh, ich habe eine neue Kette! Die ist ja aus ganz vielen kleinen Rosen.“

„Die Kette ist aus Feenstaub gemacht“, sagte die Fee, „sie hat die Kraft die Liebe in den Menschen zu wecken.“

Die Fee legte Iris die Kette um den Hals. Das fühlte sich aber gut an. Dann lachte die Fee und fing wieder an zu tanzen. Sie wirbelte mit ihren Händen und legte einen kleinen Kranz aus Rosen in ihr eigenes Haar.

Iris staunte: „Das ist sehr hübsch, das sieht gut aus.“

Die Fee nahm Iris zu einem kleinen stillen Teich mit. Beide schauten sie in das Wasser. Sie fanden ihr Spiegelbild wunderschön.

„Wir sehen aus wie Freundinnen“ sagte Iris.

Die Fee antwortete: „Ja, ich will dir gerne eine Freundin sein, aber das kann ich nur, wenn du sanft und still wirst.“   Am liebsten hätte Iris die Fee umarmt, doch sie traute sich nicht.

 

Die Fee sagte: „So sei es gut. Wenn du liebevoll an mich denkst, kann ich dir mit meiner Liebe helfen. Die Rosenkette bleibt bei dir. Wenn sie unsichtbar wird, wirst du sie trotzdem spüren können.

Ich werde nun auch wieder unsichtbar und doch bin ich hier und hüte den Wald. Denke an mich in Liebe und ich kann dir Rosenduft schicken. Ich habe dich gerne liebes Menschenkind. Ich will, dass die Sonne für dich immer scheint, auch die Sonne in deinem Herzen. Ade!“

Die Fee hob die Hand zum Gruß und war nicht mehr zu sehen. Auch die Rosenkette verschwand. Aber da war noch ein feiner Rosenduft. Ein helles frohes Gefühl spürte Iris an ihrem Hals. Sie lächelte, weil sie nun eine so gute Freundin hatte.

 

Ihr Hunger wurde wieder stärker. Sie aß ihr Pausenbrot und ging langsam den Weg zurück. Unterwegs begegneten ihr Max und Samuel, die von der Schule kamen.

Sie sagten, der Lehrer hätte sie schon früher fortgeschickt, weil es so warm sei. Er hätte aber nach Iris gefragt.   Sie bekam ein schlechtes Gewissen und dachte an den Igel und den Hasen.

„Ich will mal sehen, ob der Lehrer noch da ist“, sagte sie und lief zur Schule.

Der Lehrer war überrascht, als Iris in das Lehrerzimmer kam.

Sie entschuldigte sich, weil sie nicht da war und erklärte, dass sie Angst vor dem Diktat gehabt hatte.

 

Sie sagte: „Es ist so anstrengend, wenn man sich manche Sachen nicht merken kann. Ich wollte nie mehr in die Schule gehen. Dann bin ich in den Wald gelaufen und habe nachgedacht. Da war ein Igel und der ist auch nicht sofort groß und kann Höhlen graben. Und der Hase muss seine Fluchtsprünge auch erst lernen. Auch die Rosen müssen wachsen; und Schulkinder müssen auch lernen und wachsen. So ist das eben!“    Der Lehrer hörte aufmerksam zu und nickte.

„Du bist wirklich schlau“ sagte er.

Iris roch einen feinen Rosenduft und ihr Herz wurde hell.

Sie sagte: „Bitte helfen sie mir, damit ich beim Schreiben nicht mehr so viele Fehler machen muss.“

Der Lehrer lachte: „Wir haben heute eine Praktikantin bekommen. Die könnte jeden Tag 20 Minuten mit dir üben.“

Iris freute sich als sie wieder nach Hause ging. Sie dachte an die Fee. Da spürte sie die Kette und bekam Lust zu tanzen. Sie tanzte den Tanz, den sie bei der Fee gesehen hatte und es wurde heiter in ihr.

 

Manchmal, wenn sie wieder einmal wegen einer dummen Sache heftig und wütend werden wollte, dachte sie an die Fee. Dann roch sie Rosenduft und ihr Hals wurde fein und weich. So wurde sie immer sanfter und bekam am Lernen richtig Freude.

Eveline Klose   heilen-in-eisingen.de

 



Klaperdaap

 

Die Sonnenstrahlen tanzten in ihren schönsten Kleidern. Sanft säuselnde Winde streiften übers Land. Der Fluss strömte stetig und unablässig dahin. Klaperdaap war überglücklich. Alles schien ihm wie in einem großen Konzert vereint.

Er glitt und stieg auf, schwebte und segelte weiter. Aus seinem Herzen ergoss sich ein großes Gefühl und er sang: „Ich liebe dich. Oh Liebe! Ich liebe dich“, und mit jedem neuen Schwung „ich liebe dich.“

 

So glitt er den Weg am Fluss entlang. Dort ging eine alte Frau spazieren. Sie ließ den Kopf hängen, schaute auf den Weg und grübelte. Ärgerlich war sie über die Nachbarn, mürrisch über die vielen misslungenen Situationen in ihrem Leben und sorgenvoll ahnte sie eine schlimme Zukunft.  So konnte sie nicht die Herrlichkeiten sehen, nicht den Duft der Blüten schnuppern und hörte auch dem Gesang der Vögel nicht zu. Klaperdaap verstand das nicht, er war so voller Glück. Die Gedanken der Frau taten ihm weh.

Er wollte der Frau helfen und so schwirrte er um sie herum und sang vom Glück, von der Liebe, den Wellen und der Sonne. Klaperdaaps Lied lockte die Sonnenstrahlen herbei und die Winde bliesen der Frau Fröhlichkeiten ins Gesicht. Klaperdaap sang: „Ich liebe dich, ich liebe dich.“

 

Die Frau blieb stehen. Sehen und hören konnte sie Klaperdaap zwar nicht, doch sein Lied erreichte sie auf eine wunderbare Art. Sie schaute hoch, sah die Sonnenstrahlen durch die Blätter scheinen und ein kleiner bunter Vogel zwitscherte sein helles Lied. Ihr Herz öffnete sich. Gerührt von dieser Schönheit entschlüpfte ihrem Auge eine Träne.  Tief atmete sie und dachte: „Ach, wie herrlich hat Gott die Erde erschaffen. Was soll die Angst? Er wird auch für mich sorgen.“

Es fiel eine große Last von ihren Schultern und sie richtete sich ganz auf.   Klaperdaap schaukelte in den Winden und sang: „Ich liebe dich, ich liebe dich.“   Die Frau wollte weitergehen, doch die Nachbarin kam ihr wieder in den Sinn.  „Gott sorgt auch für Jene?“

Eine Spannung ergriff sie und sie schüttelte den Kopf. Doch Klaperdaap sang weiter das Lied der Liebe.

Tief seufzend dachte die alte Frau: „Ja sicherlich, Gott wird auch für sie sorgen.“

In ihrem Herzen regte sich eine Bewegung, die Vergebung hieß.

„Ich liebe dich, ich liebe dich“, schwang es zur Frau hin und ihr Gesicht entspannte sich.

Klaperdaap schoss gleich mehrere Saltos, so freute er sich.

Die Alte wollte erneut weitergehen, aber unwillkürlich drehte sie sich um und schaute in die Richtung, aus der sie gekommen war. Es war, als rollte ihr Leben wie in einem Film vorüber.  Klaperdaap umkreiste die Frau und weil er sich über sich selber freute, dass er der Frau half, sang er nun: „Ich liebe mich, ich liebe mich“. Der große Dank in ihm zog sanfte Kreise.

 

Einzelne Bilder aus ihrem Leben tauchten deutlicher auf.  „Ja“, sagte sie zu sich und wieder „ja“ und „ach ja.“

Sie sah, dass manche Situationen in ihrem Leben durchaus nicht falsch gewesen waren und dass Alles seinen Sinn hatte, auch so manche Bürden.  Dann machte sie eine große Entdeckung! Viele ihrer vermeintlichen Fehler waren gar keine, die hatte sie sich leider von anderen Menschen einreden lassen und manche Irrtümer waren keinesfalls so schlimm. Ein schönes Gefühl bewegte ihr Gemüt, sie verzieh sich selbst. Nun seufzte sie erleichtert und ging lächelnd weiter.

 

Jauchzend stieg Klaperdaap immer höher, er freute sich über die Herrlichkeiten, die ihm begegneten und segelte weiter, bis ihn etwas Neues anrührte.  Unter ihm lag ein Spielplatz. Da stritten zwei Kinder miteinander. Sie fuhren auf ihren Scootern und behinderten sich gegenseitig. Jeder wollte beweisen, dass er schneller und besser fahren konnte.  Jetzt schubste der Junge das Mädchen so, dass es in den Sand fiel. Erst heulte es trotzig auf; dann beschimpfte es den Jungen und warf mit Sand. Derb schimpfte der Junge zurück.

Klaperdaap schoss mit hoher Geschwindigkeit herab und durchkreuzte die Schimpftiraden mit einem frohen Lied: „Die Welt ist rund, die Welt ist schön, die Vöglein bunt, die Winde weh´n“ und wieder „ich liebe dich, ich liebe dich.“   

Der Junge stand verlegen da, er spürte, dass er falsch gehandelt hatte und wollte etwas zum Mädchen sagen, doch das wendete sich schmollend ab.   Klaperdaap spürte, dass er das Mädchen nicht erreichen konnte, denn es hatte sich verschlossen.

So eilte er zum Jungen der ratlos mit einer Traurigkeit rang.

„Ich liebe dich, ich liebe dich“, schwang es zu ihm. Der Junge seufzte und sah sich um.

„Ich liebe dich, ich liebe dich, alles ist schön, alles ist gut“, Klaperdaap sang dem Jungen ins Herz.

Da sah dieser eine schöne weiße Blume im Sonnenlicht und es schien, dass sie ihm zunickte und er vernahm: „Ich liebe dich, ich liebe dich.“

Vorsichtig pflückte er die Blume; lustig schaukelte sie auf ihrem langen Stängel. Der Junge wollte sie dem Mädchen schenken, doch das drehte sich weg.

„Ich liebe dich, ich liebe dich“, sang Klaperdaap.

„Ich liebe dich“, nickte die Blume.

„Ich liebe dich“, atmete das Gras.

Da wurde es dem Jungen heiter im Gemüt und es fiel ihm eine Szene aus einem Film ein. Er musste schmunzeln.

„Oh Scherieee“ sagte er und fiel vor dem Mädchen auf die Knie.

Das Mädchen riss belustigt die Augen auf, wendete sich aber wieder ab.

„Oh Scherieee“ hauchte er, „isch liebe disch, da diese Rose für disch.“

Das Mädchen kicherte: „Das ist doch eine Margerite!“

„Oh Scherie, diese schöne Rosenmargerite für disch.“

Kichernd wollte das Mädchen die Blume nehmen, doch der Junge zog sie immer ein Stückchen weg. Beide lachten und dann steckte sich das Mädchen die Blume ins Haar.  

Die Kinder nahmen ihre Scooter und fuhren fröhlich weiter.

 

Jubilierend glitt Klaperdaap über das Wasser auf dem die Sonnenstrahlen tanzten. Jetzt bemerkte er, dass er nach jeder guten Tat stärker geworden war. Glücklich erhob er sich, schraubte sich immer höher und zog eine große Runde.

Weiter unten am Fluss nahm er einen jungen Mann wahr, der gar nicht fröhlich aussah. Sofort glitt er nach unten um zu sehen, ob er helfen könnte.  Der junge Mann seufzte, war in sich gekehrt und schüttelte öfter den Kopf. Er war verzweifelt, weil er keine Arbeit fand und von seinen Eltern versorgt wurde, die sich aber alles mühsam absparen mussten.

Klaperdaap, der voller Tatendrang war rauschte an ihm vorbei, sang sein Liebeslied und wollte den Mann umkreisen. Doch da war etwas, das ihn daran hinderte. Nebelige dunkle Schattenwolken griffen den jungen Mann an und drängten sich zwischen ihn und Klaperdaap.

Jetzt verstand Klaperdaap, dass der junge Mann sehr verzweifelt war und diese Schatten ihn zu etwas drängten, denn er steckte immer wieder die Hand in die Jackentasche, zog sie heraus, wand sich und zögerte.

Klaperdaap besann sich auf seine Schnelligkeit. Er nutzte jede Lücke zwischen den Schatten und trällerte den jungen Mann an: „Ich liebe dich, ich liebe dich.“  Wieder und wieder sauste er und sang und rief: „Ich liebe dich, ich liebe dich.“

Das machte den Mann etwas ruhiger, er dachte an seine Eltern, spürte Liebe zu ihnen und wusste jetzt, dass er einen Abschiedsbrief schreiben musste. Tränen rannen über sein Gesicht. Die Schatten blieben etwas entfernt, denn die Liebe zu den Eltern hielt sie auf Abstand.   Klaperdaap jubelte!

So nahm der Mann seinen Stift und Notizpapier und schrieb. Aber dann griff er wieder in seine Tasche und umklammerte das Tablettenröhrchen. Nun überfielen ihn die Schattenwesen äußerst massiv und blitzschnell.

Klaperdaap nahm seine ganze Kraft zusammen, sang so laut er nur konnte: „Ich liebe mich, ich liebe mich“, und schoss im geschickten Moment dem Mann ins Ohr und an der anderen Seite wieder hinaus. Dort ergriff ihn ein Schattenwesen und schmetterte ihn zu Boden.

Da lag Klaperdaap und konnte sich kaum rühren. Er hatte all seine Kraft und Liebe dem jungen Mann geschenkt. Die Schattenwesen attackierten den Mann auf das Übelste. Sie umringten und bedrängten ihn, so dass er kaum noch atmen konnte.

 

Klaperdaap rappelte sich etwas auf, aber aufsteigen und schweben konnte er nicht. Doch weil er fest an den Sieg glaubte und er sein Allerbestes getan hatte, sang er: „Ich liebe mich, ich liebe mich.“

Ein starker Windstoß brauste heran, riss dem jungen Mann den Abschiedsbrief aus der Hand und trug ihn dort hin, wo Klaperdaap hockte. Der junge Mann sprang hinter dem Zettel her, doch er stolperte und fiel hin. Mit zittriger Hand nahm er den Abschiedsbrief. Klaperdaap nutzte die Gelegenheit und krabbelte auf den Arm des Mannes bis hinauf auf die Schulter.

Er freute sich und lachte: „Ich liebe mich, ich liebe mich.“

Der junge Mann setzte sich ins Gras. Die Liebe und die Kraft die Klaperdaap ihm geschenkt hatte, fingen an ihn zu erhellen.

Nun landete dort eine Schar Spatzen. Spatzen sind lustige Gesellen, die hier und dort picken und sich gegenseitig zutschilpen: „Ich liebe mich“ und „ich liebe dich.“

Wie die Spatzen so fröhlich hüpften und tschilpten musste er an seine Sportkameraden denken. Die waren manchmal auch so ulkig wie die Spatzen. Er lächelte und blickte auf; sah das Wasser, wie es so ruhig dahin floss und atmete tief. Warm und still wurde es in ihm.

Die Schattenwesen zogen sich zurück, wurden dünner und verschwanden.

 

„Ich liebe mich, ich liebe dich“, sang Klaperdaap leise dem Mann ins Ohr.

Der fühlte noch einmal in seine Jacke, griff nach dem Tablettenröhrchen und sagte ganz laut: „Nein!“

Er sprang auf, lief in die Stadt, riss die nächste Mülltonne auf, schüttete die Tabletten ganz tief in die Tonne und drückte eine Mülltüte darauf. Dann schlug er den Tonnendeckel geräuschvoll zu.

Erleichtert ging er nach Hause wo er seine Eltern ergriffen in die Arme nahm.   Klaperdaap staunte, denn in den Häusern der Menschen war er noch nie. Interessiert sah er sich um und sang oft: „Ich liebe mich, ich liebe dich.“

Der junge Mann versuchte es erneut mit der Arbeitssuche, doch es wollte nicht so recht klappen. Wenn er aber in der Stadt war, sah er immer wieder Menschen die Hilfe brauchten.  Zum Beispiel ein Kind, in dessen Fahrradkette sich eine Schnur verfangen hatte, oder die Frau die viel zu schwer zu tragen hatte an ihrem Korb und einmal kam ein gehbehinderter Mann nicht die Treppe hinauf.   Wie selbstverständlich packte der junge Mann zu und half und hatte Freude daran.

Jedesmal jubelte Klaperdaap: „Ich liebe dich, ich liebe mich, ich liebe.“

Allmählich begriff der Mann, dass er immer nach der falschen Arbeit gesucht hatte. Das hier, das war es, was er wollte - den Menschen helfen.   Er schlug die Zeitung auf und sah, dass in einer Werkstatt für behinderte Menschen ein Helfer gesucht wurde mit der Möglichkeit sich weiter zu bilden und er bekam diese Stelle!

Klaperdaap lachte, denn jetzt war die Sache wirklich gut. Was sollte aber aus ihm werden?

Er sehnte sich nach dem Licht, dem Schweben, den Loopings und nach dem ganz hohen Aufstieg.

 

Die Werkstatt war auf einem Hügel und in der Ferne schimmerte der Fluss. Der junge Mann stand öfter nach Arbeitsschluss am Hang und sah den Wolken nach und freute sich, weil er eine so schöne Arbeit hatte. Eines Abends gab es einen wunderbaren Regenbogen, die Wolken rissen auf und die Sonne warf goldenes Licht über das Land.

Einige Winde sausten herbei und riefen: „Klaperdaap komm mit wir wollen spielen, komm hab Mut!“

Mächtige Sonnenstrahlen lockten ihn: „Komm, unsere Wärme trägt dich.“

Und von Ferne raunte der Fluss: „Komm.“

Klaperdaap wurde ganz aufgeregt. Ja, hier gab es für ihn nichts mehr zu tun, aber – konnte er denn wieder aufsteigen?   Die Sonne wurde immer stärker und ein Adler flog herbei. Der senkte er sich zu dem jungen Mann in elegantem Gleitflug ab. Er rauschte ganz nah heran und Klaperdaap sprang!

So landete Klaperdaap auf dem Vogelrücken und wurde mit in die Höhe getragen.

 

Der Adler lachte und rief: „Ich liebe dich. Klaperdaap flieg du kannst es! Deine Kräfte wurden dir wiedergegeben, weil du der Liebe treu geblieben bist. Die Liebe trägt dich.“

Dann machte er einen gekonnten Looping.

Klaperdaap glitt herunter, schwebte frei, schraubte sich höher und höher und sang:

„Ich liebe, ich liebe!“ und wieder “ich liebe, ich liebe.“

Kraftvoll und beglückt stieg er auf und segelte neuen Taten entgegen.

Eveline Klose   heilen-in-eisingen.de

 



Sternchen

 

In der Adventszeit denken wir schon daran, mit welcher Gabe wir zum Weihnachtsfest eine Freude machen könnten. Wir denken auch an das, was wir selber gerne bekommen möchten.

Nun ist es schon sehr früh dunkel und wir können die funkelnden Sterne anschauen. Es scheint, dass sie ganz weit weg sind. Aber in Wirklichkeit sind die Sterne uns ganz nah. Sie hören, schauen und wissen, was alles so auf der Erde los ist. Darum können sie auch unsere Wünsche sammeln.

 

Die Sterne helfen der ganz großen Liebe dabei, dass möglichst viele Wünsche in Erfüllung gehen. Vielleicht blinken sie den Eltern ins Herz, damit sie merken, was das Kind gut gebrauchen könnte, oder sie schaffen Zufälle, damit wir selber etwas Gutes finden, das wir dann Jemanden schenken können.   

Unter den Engeln, die mit den Sternen zusammen arbeiten, gibt es für alle Wünsche die echt guten Experten. Die Sterne ordnen und sortieren die Wünsche und schieben sie hin und her, damit jeder Wunsch an den richtigen Fachmann kommt.

Als in der Weihnachtszeit alle Sterne voll beschäftigt und emsig bei der Arbeit sind, ruft ein kleines Sternchen aufgeregt: „Da fehlt noch was, da fehlt noch was!“

„Was fehlt dir denn?“ fragt ein rosafarbiger Stern.

Sternchen ruft: „Nein, nein, mir fehlt nichts, aber wir haben alle etwas vergessen!“

Nun ist es still im ganzen Sternenhimmel. Alle schauen auf Sternchen und lauschen. Ein paar Ältere sind ärgerlich, weil doch so viel Arbeit ist und sie keine Zeit verlieren wollen.

„Aber so hört doch“, sagt das Sternchen bekümmert, „wir sammeln ja nur die Wünsche, die üblich sind und was die Menschen gerne haben wollen. Spielzeug, Bücher, eine Urlaubsreise oder so was.“

Erstaunt fragen die Älteren: „Aber das ist doch unsere Aufgabe, was willst Du denn sonst sammeln?“

Besorgt antwortet Sternchen: „ Was ist mit den Wünschen, die die Menschen sich nicht trauen zu wünschen, die aber tief im Herzen stecken? Ja Wünsche, von denen die Menschen denken, dass sie nicht gewünscht werden dürfen, wofür sie sich vielleicht schämen?“

Alle sind ratlos.  

Da tritt ein großer Engel hinzu und spricht: „Ich wundere mich, dass es hier so still ist. Was ist passiert?“

Sternchen ruft eifrig: „Was sollen wir machen mit den Wünschen, die die Menschen haben, aber sich nicht trauen sie zu wünschen? Ich meine die Sehnsucht nach Frieden, oder dass sie liebgehabt werden möchten, oder dass es einem kranken Menschen besser gehen möge, oder dass, oder …“

Der Engel lächelt: „Du hast recht, das sind sehr wichtige Wünsche. Hast du einen Vorschlag, wie man sie sammeln und erfüllen soll?“

Sternchen antwortet zaghaft: „Ich weiß es nicht,“ und lässt den Kopf hängen.

Tränen wollen weinen, doch dann hat es plötzlich eine Idee: „Wir müssen etwas erfinden, das den Menschen erlaubt, auch die geheimen Wünsche zu wünschen!“

Der Engel hört gespannt zu, was Sternchen erzählt.

„Wir müssten den Menschen sagen, dass sie diese Wünsche wünschen sollen, wenn wir Sterne Streifen am Himmel machen, dann können wir sie sofort an die Engel weitergeben. Aber die Wünsche müssen geheim bleiben, sonst geht das ja nicht.“

Der Engel antwortet: „Ich kann es wohl einrichten und den Menschen im Schlaf diese Gedanken zutragen.“

Die alten Sterne stöhnen: „Wer soll aber die Lichtstreifen an den Himmel machen? Wir werden doch hier alle gebraucht!“

Sternchen strahlt und ruft ganz mutig: „Ich mache das, ganz alleine, ja, das kann ich!“

„Du alleine?“ Ungläubig schauen es die Anderen an.

Der Engel schmunzelt: „Es kann gelingen, weil Sternchen es ganz wirklich will. Ich gehe und bringe den Menschen die Sternschnuppengedanken.“

Sternchen will forteilen, da ruft der rosafarbige Stern: „Halt, wer hilft mir jetzt, die Puppenwünsche zu sammeln?“

Drei kleine Schillersternchen eilen herbei: „Bitte, bitte, wir möchten das machen, wir haben noch nie helfen dürfen!“ Der rosafarbene Stern ist verlegen, denn sie sind noch so klein.

Weil die Drei ihn aber mit ihren großen Augen so bittend ansehen, meint er schließlich: „Ja gut, wenn ihr drei zusammen helft, wird es gelingen.“

Jetzt saust Sternchen los. Es huscht um den ganzen Erdenball herum, kreuz und quer, rund herum, mal in eine, mal in die andere Richtung. Es versprüht sein Licht und malt viele, viele Sternschnuppen an den Himmel.

Wenn ihr also eine Sternschnuppe seht, dürft ihr sofort an Euren geheimsten Wunsch denken, dann nehmen ihn die Engel und werden ihn erfüllen.

Aber wann wird es sein, dass sie ihn erfüllen werden? Niemand kann das vorher wissen.

 

                                                                                 Eveline Klose    heilen-in-eisingen.de

 



Eine Erzählung vom Sonnenkinde

 

 

Die Sonne hat viele Kinder. All ihre Kinder sind die vielen, vielen Sonnenstrahlen die munter Tag für Tag die liebe Erde bestrahlen, erwärmen und alles hell machen.  Oh, sie tanzen und singen auch und treiben manch lustige Spiele.   

Da war auch ein Sonnenkind, das gerne schwierigere Aufgaben übernahm. Es gab nämlich ganz finstere Winkel auf der Erde, die mit dem Licht der Sonne nur sehr schwierig zu erreichen waren. In dichten Wäldern zum Beispiel und zwischen den Mauern der Städte, oder in dunklen Höhlen und vielen Stuben der Menschen.

Immer wenn es Sonnenkinde gelang, zwischen besonders hohe Mauern zu strahlen, in ganz finstere Höhlen hinein zu blicken oder in abgelegenen Kellerwohnungen sein Licht zu verbreiten, freute es sich riesig, tanzte und jubelte!

An den Festen und Spielen der Anderen hatte es nicht so viel Interesse. Es machte mit, wenn es die Sonne wünschte und ansonsten übte es sich, noch mehr Licht auf die Erde zu bringen - und es gelang ihm immer besser.   Doch mit der Zeit genügte es ihm nicht mehr, denn die Erde war dunkel und die Menschen traurig.

 

Eines Tages sagte es sich: "Wie wäre es schön, wenn alle Menschen froh würden durch das Licht der Sonne. Man müßte selber auf die Erde gehen um die Menschen direkt zu berühren. Ich möchte dorthin strahlen, wo sonst kein Strahl hingelangt."

Schweigsam wurde Sonnenkinde und es fiel all seinen Sonnenstrahlgeschwistern auf, dass es etwas vorhatte.

Die Älteren unter ihnen wußten bald, was in ihm vorging und was es bewegte. Sie riefen es zu sich.

"Du willst zur Erde hinunter?" sagten sie.

"Ja" staunte Sonnenkinde, "denn es ist dort so dunkel, ich will es heller machen."

Die Älteren sagten: "Das ist ein großer Wunsch, doch weißt du denn wie du es genau tun willst?"

Sonnenkinde schüttelte seinen Sonnenlockenkopf.

Da sagten die Älteren: "Es ist schon öfter ein Kind unserer lieben Sonnenmutter auf die Erde gegangen, weil Mutter Sonne es so wollte und sie alt genug waren. Doch du bist noch so jung und solltest mit den Anderen wachsen. Du weißt so wenig von der Erde. Geh, spiele mit deinen Kameraden und reife erst, denn es ist sehr schwer für Unsereins auf der Erde zu sein. Sonnenkind! Einige kamen nicht wieder, weil auch sie dunkel wurden. Bitte warte noch, wir wollen dich nicht verlieren, denn wir haben dich ganz, ganz lieb."

Sonnenkinde begehrte auf: es sei aber sehr geübt im Licht bringen - und es käme ganz bestimmt wieder!

"Sonnenkind" mahnten die Älteren wieder, "du hast noch keinerlei Unterweisung erhalten, bitte liebstes Sonnenkindchen, bleib noch ein Weilchen hier und wir werden dir alles geben, was du für die Erde brauchst."

 

Traurig ging Sonnenkinde zu seinen Geschwistern und bemühte sich, mit ihnen zu spielen.

Es gelang ihm immer nur ein bißchen, denn der Wunsch die Erde heller zu machen, wuchs und wuchs.

Eines Tages, noch bevor sich alle Sonnenkinder zum Gesang der Morgenröte zusammenfanden, eilte es durch den schönen Sonnengarten zum Brunnen und schwang sich ganz mutig auf Regenbogens bunte Brücke.

Es glitt zur Erde hinunter!

Mitten auf einem kleinen See landete es und das schlechte Gewissen, was sich wegen seiner Flucht einstellen wollte, verschwand bald, als es die kleinen Wellen unter seinen Füßen spürte und es tanzte vor Freude.

Es ließ die Tautropfen im Grase funkelnd erstrahlen, liebkoste die munteren Vögelein, küßte die Blumen und schenkte dem anmutigen Reh seine Wärme. Der See, die Bäume und alles, was Sonnenkinde anstrahlte, nahmen diese Liebe gerne an, denn ein großer Berg warf kalte Schatten und so warm und hell wie jetzt, hatten sie es vorher nie. Sie schlossen Sonnenkinde dankbar in ihr Herz.

Sonnenkinde war aber wegen der Menschen gekommen und so eilte es fort um den Menschen Licht und Liebewärme zu bringen. Freude begleitete seine Schritte.

Von Ferne sah es Bauern bei der Arbeit und frühe Arbeiter den Weg zum Dienst gehen.

Doch es eilte weiter, denn es wollte in die Stadt, die immer so finster war und es freute sich schon auf seine Arbeit.   Oh, wie erschrak es, als es in die Stadt hineinkam. So kalt, so kalt war es hier!

 

Aber Sonnenkinde ließ sich nicht schrecken, denn es wußte ja, dass die mächtige Sonne seine Mutter war und die Liebewärme der Unendlichkeit besaß, da sollte es sich von so ein bißchen Erdenkühle irritieren lassen? Wohl kaum.

Mutig ging es auf die Menschen zu, strahlte sie an und berührte sie mit dem Licht in ihren Herzen. Einige jauchzten auf und waren dankbar, doch Manche wollten sein Licht nicht, weil es auf eine seltsame Weise weh tat und sie bliesen ihm Kälte entgegen.

Auch bedrohten sie es auf schlimmste Art, ja, sie gebärdeten sich wie böse Wölfe und stellten ihm nach um es zu fangen. Aber Sonnenkinde wußte ihnen zu entkommen.

Es waren auch Viele, die sich nach Sonnenkindes Licht sehnten, wiewohl auch sie ihm Kälte entgegen bliesen, weil Alle es so machten. Dann waren sie verwundert, dass Sonnenkinde ganz traurig wurde und von ihnen wegging.

Es ging vor die Stadt und sah, dass Gras und Blume, Vögel und Käferlein und die schönen Bäume sich über sein Licht freuten und sich ihm zuwendeten. Das gab ihm neuen Mut.

Es dachte bei sich: "Die Menschen haben Angst vor mir, darum will ich mir einen Mantel umhängen, damit sie mich nicht sogleich erkennen."

Es war ein schöner Umhang, gewoben aus der Morgenröte und dem Grün der Bäume. Doch sein Licht strahlte hindurch und es wurde noch mehr verfolgt, weil die Menschen nun auch neidisch waren auf den schönen Mantel.

Aber manch ein Mensch merkte auf und fing an nachzudenken, was es wohl mit dem Lichte und der Morgenröte und dem heiligen Schmerz in der Brust auf sich habe.  

Davon bemerkte Sonnenkinde jedoch nichts.

Es stahl sich einen Mantel der Menschen – nun würde man es wohl nicht mehr erkennen.   Der Mantel war sehr schwer für ein Kind der Sonne und sein Licht war kaum noch zu sehen.   Immerhin konnte es nun ungehindert zu den Menschen gehen.

Es schaute und staunte, denn jetzt erkannte es, warum die Stadt so finster und es so schwierig war den Menschen das Licht und die Wärme zu bringen.

 

Die Menschen saßen vor schwarzen Kästen und starrten bunte Bilder an, sie bliesen Rauch in ihre Köpfe und vernebelten Augen und Ohren. Sie aßen Blut und verstopften ihre Sinne.   Dann sahen und hörten sie nur das, was sich um sie selber drehte.

Schrecklich war es, was Sonnenkinde sah:

Dumpf waren diese Menschen geworden, sie wußten nicht mehr, was ein Sonnenstrahl ihnen alles geben könnte. Hatten sie gar keine Empfindungen mehr?   Sonnenkinde vermochte es kaum zu fassen.

Auch das Wissen und das Gespür um die Liebekräfte der Natur war ihnen verloren gegangen. Viele waren verbittert und wußten selber nicht warum. Wer hatte ihnen ihre Freude gestohlen?

Sonnenkinde wollte die Menschen erheitern und sprach mit ihnen und strahlte sie an.

Weil aber das freundliche Wort und das lichte Wesen Sonnenkindes sie irritierte, ja wohl auch weckte, hängten sie ihm einen weiteren Mantel um und hießen es schweigen.   So schwieg Sonnenkinde.

 

Es sah auch, dass die Menschen sich sehr abmühten und plagten, denn überall war große Unordnung. Es lag viel Unrat herum, die Menschen mußten über alles Mögliche steigen und stießen oft an. Auch mußten sie wegen der großen Unordnung dauernd etwas suchen.

So wollte Sonnenkinde doch wenigstens hier helfen, wenn es schon so schwer war, die Herzen zu erreichen. Es wollte helfen und arbeiten und Ordnung schaffen.   Jedoch hatten die Menschen sich daran gewöhnt über ihre Kisten, Kästen und Balken zu steigen und immer auf der Suche nach Verlorenem zu sein. Sie schimpften, als Sonnenkinde helfend handelte.

Die Menschen wollten in ihrem Elend bleiben und sich gegenseitig bejammern.

Sie hinderten Sonnenkinde und machten immer wieder Unordnung, weil sie nicht zugeben wollten, dass ihr Leben recht unbequem war und sie verstanden Sonnenkindes Tun nicht, weil sie es nicht verstehen wollten.

 

Sonnenkinde verlor den Mut und unbemerkt legte sich ein weiterer Mantel auf seine Schultern und machte seine Schritte schwer. Die Leichtigkeit schwand dahin.

Weil nun Sonnenkinde auch über die vielen Kisten, Kästen und Balken steigen mußte und nicht mehr so leicht darüber hinweg huschen konnte wie ein Sonnenstrahl, wurde es trotzig - und wieder hüllte ihn ein weiterer Mantel ein.

Sonnenkinde bewegte das, was die Menschen so untereinander sprachen in seinen Gedanken, allmählich übernahm es die Vorstellungen und Meinungen der Menschen und fing an auch so zu empfinden.

Wieder legte sich ein weiterer Mantel um Sonnenkinde.

Es wurde ihm alles schwer und von seinem Licht war kaum noch etwas zu sehen. Jetzt benutzte es auch die Worte der Menschen, ja, beinahe wurde es so wie die Menschen und verlor langsam die Erinnerung an das, was es eigentlich in dieser Stadt wollte, denn wieder machte ein weiterer Mantel seine Schultern schwer.

 

So weilte es in der Stadt und tat, was die Menschen auch taten - war es auch Mensch geworden? Im Äußeren tat es, was die Menschen taten, doch im Inneren pochte die Sehnsucht nach Licht und Wärme, nach Leichtigkeit und Frohsinn. 

So ging es oft vor die Tore der Stadt zu den Bäumen und sah den munteren Vögelein zu.

Es schien ihm, als sei es verwandt mit ihnen, denn wenn es wieder zurückging in die Stadt, war die Sehnsucht nach Freiheit und Liebe noch stärker.   Sonnenkinde suchte unbewußt den Rückweg zur Sonne und seinen Geschwistern.

Zu bestimmten Zeiten feierten die Menschen Feste in der Stadt. Dann war Geschäftigkeit unter ihnen und es schien, als seien die Menschen aus ihrer Dumpfheit aufgewacht.

Bunte Lampen erglühten, es wurde geschmückt, überall Lichter und süße Düfte. Liebliche Klänge und lustige Weisen lösten einander ab.   All das lockte Sonnenkinde und es glaubte, mit all diesem bunten Treiben könne es die Sehnsucht des Herzens stillen. Ja, es schien wirklich das Heil des Herzens zu sein, denn das sehnsüchtige Pochen hörte auf - oder - hörte es das Pochen nur nicht mehr, weil das laute Spektakel alles übertönte?

In die Klänge der Musik mit einstimmend schwelgte Sonnenkinde in dem Glauben am Ziel zu sein. Doch mit der Zeit merkte Sonnenkinde, dass die Lieder und Gedanken sich selbständig machten und es selber nicht mehr bestimmen konnte, was es singen wollte.   So versah es die Tage mit sinnlosen Tätigkeiten und sang Lieder, die hohl und leer waren und die es gar nicht singen wollte. Es führte Gespräche, die wohl das Denken anregten, die aber nicht das Herz bewegten. Manchmal seufzte Sonnenkinde laut auf, doch wußte es selber nicht warum. War es verloren?  

 

Eines Tages blickte Sonnenkinde auf.

Ein kleiner Hund hatte sich verlaufen, er gelangte zu Sonnenkinde und klagte laut sein Leid.

Plötzlich war es Sonnenkinde, als könne es mit dem Tierchen reden. Es verstand, dass der kleine Hund wieder zu seinem Menschen wollte um ihm zu dienen, denn er wußte, dass er dem Menschen Freude bringen konnte und er hatte ihn ja auch lieb.

Etwas Warmes regte sich in Sonnenkindes Herzen.

Eilends ging es mit dem Hund und suchte des Hündchens Platz, den er bei einem Menschen hatte.

Sonnenkinde staunte als es sah, wie gerne der Mensch von dem Tierchen die Liebe annahm und er sich freute, dass es wieder bei ihm war. Auch der Hund freute sich und schaute Sonnenkinde dankbar an.

 

Seitdem wühlte es in Sonnenkindes Herzen. Es dachte über sein eigenes Dasein nach.

Warum war es hier? Ob es wirklich einen Sinn gab, einen Grund weswegen es hier lebte?

Gab es für Sonnenkinde auch Freude wie für den Hund und seinen Menschen?

Es dachte an die Tiere und Pflanzen vor den Toren der Stadt und ging wieder öfter zu ihnen hinaus.

Ganz allmählich stiegen feine Erinnerungen in Sonnenkinde auf und sein Herz tat dann auf eine wunderbare Art schmerzlich weh und wohl. Unmerklich fiel ein Mantel von seinen Schultern ab.

Immer mehr sah es nun, warum es in dieser Stadt war, kleine Ahnungen an Mutter Sonne und die Sonnenstrahlgeschwister klangen in ihm an und die Empfindungen wurden allmählich wieder in seinem Herzen lebendig.

Traurig war es, weil sein Plan nicht erfüllt war, doch freudig zugleich, weil es nun den Mut hatte, seine Aufgabe auf die rechte Weise anzugehen, denn es sah eine Lösung.   Die Sehnsucht nach Mutter Sonne gab ihm die Kraft.

Es hatte gesehen, dass der Mensch vom kleinen Hündchen die Liebe annahm. Sonnenkinde vertraute, dass die Menschen auch von ihm Liebe annahmen, die ja eigentlich die Liebe von Mutter Sonne ist, die durch sein Herz zu strahlen vermochte.   Doch war Sonnenkinde vorsichtig.

Getragen von dem Wunsch zu leuchten und Licht zu schenken, fing es ganz bescheiden an, sachte und vorsichtig die Menschen anzustrahlen, ganz sanft und zart, so dass es vorerst Niemand merkte. Und wieder fiel ein Mantel von Sonnenkinde ab.

Es dachte an das Hündchen und wußte, dass es nicht unbedingt der Worte bedarf um das Licht zu verschenken. Ein Blick oder eine Empfindung der Liebe selbstlos gegeben macht manches Herz weit und warm. Freude, lebendige stille Freude kehrte langsam wieder in Sonnenkindes Gemüt. Es half den Menschen, wo immer es auf irgend ein Art und Weise möglich war, auch in allerkleinsten Dingen.

In vielen Menschen regten sich kleine Strahlen der Freude. Es verschenkte sein Lächeln, half hier und dort mit kleinen Handreichungen und war trotzdem still und bescheiden.

Vorsichtig sprach es zu den Menschen von den Tieren und Pflanzen, die es draußen vor der Stadt gab und dass man mit ihnen sprechen kann. Manch einen führte es zu ihnen hin. Auch sprach es die Menschen in ihren Herzen an, wenn diese einmal wieder ausführliche und belanglose Gespräche führten. Stille und Freude breiteten sich immer mehr aus.

Allmählich entglitten Sonnenkinde weitere Mäntel, einer nach dem anderen. Seine Umhüllung verschwand langsam, ganz bescheiden und selbstverständlich kam nun sein wahres Strahlen wieder hervor. Die Menschen gewöhnten sich an Sonnenkindes feines Strahlen, denn in ihren eigenen Herzen wurde es ja auch heller und feiner.

 

Obwohl Sonnenkinde einen Weg gefunden hatte, den Menschen die es wollten, sein Licht zu bringen, wurde die Sehnsucht nach Mutter Sonnes liebevoller Umarmung und nach den Sonnenstrahlgeschwistern immer stärker. Es fragte sich, wie es wohl wieder heimfinden könne.

Nachdem es allen Menschen dieser Stadt begegnet war und Licht und Wärme verbreitet hatte, trat es vor das Tor. Freundlich neigten sich die Bäume im Wind. Sonnenkinde folgte dem Weg durch die Felder, freute sich über Vögel und Käferlein und ließ sich vom sanften Wind in dem sich die Grashalme rhythmisch wiegten leiten.

Wie Sonnenkinde so dahin schritt voll Freude auf seine Heimat, klopfte doch das Herz ganz laut.

Hatte es nicht die Heimat mutwillig verlassen?

Es hatte seine Geschwister zurückgelassen, die sich vielleicht um es sorgen - und Mutter Sonne?

Was wird sie sagen? Wird sie zürnen? War sie traurig?

Ja, ist denn überhaupt sein Platz noch da, wo es immer weilte und mit Mutter Sonne Zwiesprache hielt?

Ob sich wohl etwas verändert hatte? Wie lange war es fort?

 

Als Sonnenkinde dies alles dachte, regte sich Reue in ihm. Reue, weil es so ohne Einverständnis, ohne Rücksicht auf die Anderen weggelaufen war.   Mit der Reue die es erfaßte, fiel auch noch der allerletzte Mantel ab und Sonnenkinde strahlte mächtig. Sein Herz war ganz frei, denn es spürte die Liebe, die in allem war was es umgab, die Liebe, die in seinem eigenen Herzen brannte.

So gelangte es wieder an den See.

Die Blumen, Bäume und auch die Tiere freuten sich, dass Sonnenkinde sie wieder besuchte.

Der See wußte gleich, dass es nach Hause wollte und so bat er den Regenbogen um Hilfe.  

Hurtig kletterte Sonnenkinde hinauf und gelangte geradewegs zu Mutter Sonne, die es in die Arme nahm und an ihr liebendes Sonnenherz drückte.

Da waren auch die Sonnenstrahl-Geschwister. Sie freuten sich, dass Sonnenkinde wieder da war, denn sie hatten es sehr lieb.

Es kamen die Älteren, nahmen es in ihre Mitte und sprachen: "Sonnenkinde, du bist heimlich fortgelaufen und hast uns Kummer bereitet. Wir haben dich aber immer lieb gehalten und dir manchen Boten geschickt, damit du an Mutter Sonne erinnert wirst. Leider hast du die Boten und Zeichen nicht beachtet. Erst das Hündchen konnte dich wieder erwecken.

Du warst lange fort. Viele sind noch auf der Erde und haben uns vergessen, aber du bist wieder da, du hast den Weg gefunden und so schaffen sie es auch!   Du bist wieder heimgekehrt und du bist gewachsen.   Gehe nun und erzähle allen Sonnenkindern wie es auf der Erde ist, wie es um die Menschen steht und welche Gefahren zu beachten sind, denn Viele wollen helfen, leuchten und wärmen, doch sollen sie belehrt sein, damit sie es leichter haben und den Heimweg schneller finden."

 

Als Sonnenkinde jetzt im Kreise aller anderen Sonnenkinder stand, merkte es auch selber, dass es größer und stärker geworden war.

Und noch etwas sah es nun von seinem Platz aus:

Das Licht, was es in der Stadt verschenkt hatte, war dort geblieben. Die Stadt hatte sich erhellt, die Menschen waren ruhiger geworden und freundlicher und Wärme war in sie eingekehrt.

 

Aber wie staunte Sonnenkinde, als es nun erkannte, dass so manch ein Mensch, dem es in der Stadt begegnete auch ein Sonnenkind war!   Dass sie genau so wie es selber das Licht von Mutter Sonne im Herzen trugen, allerdings waren sie mit so vielen Mänteln behängt, dass kaum etwas hindurch schimmerte.

 

So waren also noch viele Sonnenstrahlkinder als Menschen auf der Erde.

Sonnenkindes Herz klopfte: könnte es sein, dass alle Menschen Sonnenstrahl-Kinder sind?

                                                                                                                                                            Eveline Klose     heilen-in-eisingen.de